Inhaltsstoffe unter der Lupe ● Glycerin & Alkohol
Dein Kosmetikprodukt wirkt nicht mehr, deine Haut ist plötzlich irritiert? Das kann daran liegen, dass Hersteller die Rezepturen ändern und mit weniger guten Zutaten ersetzen. Die Gründe sind meist wirtschaftlicher Natur, denn oft ist der Ersatz billiger. Ich habe drei Produkte mit beeindruckenden Veränderungen gefunden, bei denen die gleichen Stoffe ausgetauscht worden sind: Alkohol und Glycerin - zwei Liebling der Beauty-Branche. Diese beiden Klassiker schauen wir uns heute an.
Angesichts der gezielten Bewerbung von Wirkstoffen gehen Konsumenten oft irrtümlich davon aus, dass, das diese die Basis des Produktes bilden. Nicht selten tauchen die gepriesenen Zutaten erst im zweiten Drittel der INCI-Liste auf. Im schlimmsten Fall rangieren sie sogar erst im letzten Drittel, während sich an der Spitze der Rezeptur ein synthetischer Chemie-Cocktail tummelt:
Kosmetische Bestandteile sind deklarationspflichtig und nach ihrem prozentualen Anteil in absteigender Reihenfolge aufgeführt. Je weiter oben eine Zutat steht, desto höher ist ihr Anteil im Produkt: Steht Wasser ganz oben, bildet es folglich die Basis. Zwei Komponenten auf die wir im Alltag ständig stoßen, stehen heute im Fokus: Glycerin und Alkohol.
■■■■ Die Haut sieht ihre Aufgabe darin, externe Substanzen abzuweisen. Hautfette (Lipide), Enzyme und spezifische Moleküle schützen die Barriere vor dem Eindringen solcher Fremdlinge. Aus diesem Grunde weist eine gesunde Haut auch solche ab, wie wir sie in Seren oder fetthaltigen Cremes finden. Doch um eine dysfunktionale Haut zu unterstützen – wie um Verhornungsstörungen zu regulieren, Alterstrockenheit zu lindern oder Akne zu mildern –, wünschen wir uns nützliche Substanzen, die die Haut gezielt stärken, ohne dass die Barriere Schaden nimmt.
Alkohol auf lange Sicht
Unter „Alkohol“ verstehen wir in der Hautpflege meist den klassischen, flüchtigen Alkohol (Weingeist, Ethanol, Alcohol denat.). Haptisch erzeugt er ein federleichtes Gefühl auf der Haut und verleiht Formulierungen eine angenehme Leichtigkeit. Durch seine extreme Flüchtigkeit verdunstet er fast schon während des Auftragens.
Ob dieser Alkohol der Haut schadet, hängt von seiner Konzentration ab:
Geht es nach der Beauty-Industrie, bereitet ein Anteil von bis zu 20 % in der Gesamtrezeptur keine Probleme. Doch in ausreichend hoher Konzentration – ab etwa 12 bis 15 % bezogen auf den Wasseranteil – wirkt Alkohol antimikrobiell. Diese prozentuale Überschneidung ist aufschlussreich: Steht Alkohol in der INCI-Liste im ersten Drittel oder direkt hinter dem Wasser, ist er enttarnt. Er fungiert hier als Solist. Das Produkt wird im Alleingang konserviert was dem Hersteller Geld für weitere Haltbarmacher einspart.
Um flüchtigen Alkohol als reinen Formulierungshelfer für eine angenehme Textur zu nutzen, muss die Dosis minimal sein: Unter 5 % ist er als Haltbarmacher völlig unwirksam und verdunstet so schnell, dass er die Hautbarriere nicht aufbrechen kann. Befindet sich der Alkohol jedoch im hochdosierten Bereich zur Eigenkonservierung, reicht die Menge aus, um als Lösungsmittel zu wirken – und das bleibt langfristig nicht ohne Folgen.
Auf Dauer entstehen verschiedene Schäden:
Temporäre Schleuse mit Langzeitfolgen
Alkohol ist für seine penetrierende Eigenschaft bekannt (Penetration Enhancer). Bereits beim Hautkontakt bricht er die Lipidbarriere auf, damit erleichtert er allen anderen Bestandteilen das Eindringen – ein Effekt, der die Barriere selbst nach dem schnellen Verdunsten des Alkohols geschwächt zurücklässt.
Oxidativer Stress und Barriereabbau
Auf Dauer zerstört dieser Prozess die Anordnung hauteigener Fette (Ceramide, Cholesterin und Fettsäuren) und stösst durch den stetigen Feuchtigkeitsentzug die Bildung freier Radikale an - aggressive Moleküle, denen ein Elektron fehlt. Um sich zu stabilisieren, rauben sie es gesunden Hautzellen, was zu oxidativem Stress führt und die Durchlässigkeit der Schutzschicht unkontrolliert erhöht.
Dehydrierung und das Paradoxon öliger Haut
Biochemisch führt dies zur Austrocknung, da die destabilisierte Lipidschicht die eigene Hautfeuchtigkeit nicht mehr halten kann und der transepidermale Wasserverlust (TEWL) steigt drastisch an.
Auch ölige Haut (Seborrhoe) gerät dadurch in eine Notsituation: dem Gesicht wird das schützende Oberflächenfett entzogen. Dieser Fettentzug signalisiert den Talgdrüsen einen Mangel und diese kurbeln die Produktion an – die Haut wird noch öliger. Das Resultat ist ein Haut-Paradoxon: Die Barriere ist ausgetrocknet und schuppig, während der Talg nachfließt. Die Haut wirkt gleichzeitig dehydriert und ölig-glänzend. Insgesamt gerät die natürliche Hautfunktion aus der Balance.
Die Alternative: Fettalkohole
Neben diesem flüchtigen Alkohol existieren in der Kosmetik noch andere Formen: Fett- und Wachsalkohole. Sie besitzen rückfettende Eigenschaften, erzeugen keinen oxidativen Stress und pflegen die Hautbarriere. Im Sinne der Hautpflege unterscheiden wir daher strikt zwischen ‚schlechten‘ (austrocknenden) und 'guten' (pflegenen) Alkoholen, wie die folgende Übersicht zeigt:
An folgenden Bezeichnungen erkennst du banalen Alkohol:
Alcohol, Alcohol Denat. (vergällter Alkohol), Benzyl Alcohol, Ethyl Alcohol, SD Alcohol, Phenethyl Alcohol, Propyl Alcohol, Isopropyl Alcohol, Ethanol, Methanol, Propanol, Isopropanol.
An folgenden Bezeichnungen erkennst du Fettalkohol:
Arachidyl Alcohol, Cetyl Alcohol, Cetearyl Alcohol, C 14-22 Alcohols, Stearyl Alcohol, Lauryl Alcohol, Myristyl Alcohol, Oleyl Alcohol, Palmitoleyl Alcohol, Lanolin Alcohol (Wollwachs, tierisch, nicht vegan).
Warum die Wirkung auf der Haut dieselbe bleibt
Wird in der INCI-Liste lediglich „Alcohol“ oder „Ethanol“ ohne den Zusatz „denat.“ aufgeführt, handelt es sich um unvergällten, reinen Alkohol, der oft in hochwertiger Naturkosmetik eingesetzt wird. Diese Variante verzichtet auf synthetische Bitterstoffe oder Phthalate zur Vergällung, was die Hautverträglichkeit erhöht, jedoch aufgrund der anfallenden Alkoholsteuer oft teurer in der Herstellung ist.
Deshalb findest du unvergällten Alcohol meistens nur in höherpreisigen Premium-Produkten, Naturkosmetik oder bei Marken, die sich strikt dem Thema Clean Beauty oder maximaler Hautverträglichkeit verschrieben haben. Chemisch macht das für die Haut allerdings keinen Unterschied: Die lipidraubende Wirkung bleibt identisch - Ethanol zeigt in seiner Grundstruktur immer dieselbe Wirkung - ob vergällt oder rein.
Fazit: Auf die Dosis kommt es an
Alkohol in Kosmetik ist nicht pauschal schädlich. Flüchtige Alkohole in geringer Konzentration (<5%) sind meist unbedenklich. Eine hohe Konzentration flüchtiger Alkohole (in den ersten INCI-Positionen) kann jedoch langfristig zu Hautbarriereschäden und Austrocknung führen. Eine genaue Prüfung der INCI ist daher entscheidend für die Hautpflege.
Glycerin - das doppelte Lottchen
Als Konservierer bindet Glycerin das umliegende Wasser, stabilisiert das Stoffgemisch und hält das Produkt feucht. Auch in der Taxidermie und Anatomie kommt Glycerin zum Schutz vor Austrocknung und zur Gewebeerhaltung zum Einsatz.
In der Hautkosmetik durchdringt es die Hornschicht, lagert sich dort in die Lipidstrukturen zwischen den Korneozyten (den abgestorbenen Hornzellen) ein und umbettet diese - die Haut fühlt sich dadurch merklich weich und genährt an. Wegen dieses Effektes loben Kosmetikhersteller Glycerin besonders gerne aus. Für die Beauty-Industrie ist es vor allem ein Material, das extrem günstig im Einkauf ist.
Aufgrund seiner hygroskopischen (wasseranziehenden) Beschaffenheit wirkt Glycerin im doppelten Sinne als Befeuchter. Da es Feuchtigkeit osmotisch anzieht, bedient es sich zweier Quellen: Ist die Luftfeuchtigkeit hoch genug, bindet es das Wasser direkt aus der Umgebungsluft. Herrscht jedoch trockene Luft – wie im Winter oder in klimatisierten Räumen –, kehrt sich dieser Effekt um:
Glycerin zieht die hauteigene Feuchtigkeit aus den tieferen Schichten nach oben in die Hornschicht. Fehlen dem Kosmetikprodukt nun schützende Fette oder Öle (Okklusionsmittel), die diese Barriere versiegeln, verdunstet die nach oben gezogene Feuchtigkeit unaufhaltsam an die Umgebung. Auf lange Sicht besteht die Gefahr einer chronischen Dehydrierung: Die Haut trocknet von innen heraus aus, verliert ihre Spannkraft und gerät in einen Teufelskreis, bei dem ständig nachgecremt werden muss. Deine Haut wird abhängig von der externen Zufuhr.
■■■■ Der osmotische Zugeffekt & Haut-Glycerin
Anfangs fühlt sich die Haut durch das Glycerin gut genährt an, doch dieser Sofort-Effekt ist rein haptischer Natur: Die Hornschicht wird durch das Molekül lediglich oberflächlich durch extreme Wasserbindung aufgepolstert, wodurch eine intakte Barriere vorgetäuscht und der tatsächliche Zustand der Haut verschleiert wird, während die tieferen Hautschichten leer ausgehen.
Haut-Glycerin entsteht in der Epidermis, wenn körpereigene Triglyceride (Fette) durch Enzyme (Lipasen) gespalten werden. Dieser Fettabbau passiert automatisch im Zuge der Desquamation (Hauterneuerung).
Wenn du bei trockener Luft eine Creme mit zu viel Glycerin nutzt, wird die Haut innen heraus leergesaugt. Hörst du nun abrupt mit dem Cremen auf, fällt der oberflächliche Weichzeichner-Effekt weg. Was bleibt, ist die zuvor dehydrierte tiefe Hautschicht, die nun Zeit braucht, um sich durch die normale Feuchtigkeitsnachfuhr von innen wieder zu erholen.
hat Glycerin einen Schlepper-Effekt?
Glycerin spendet nicht nur Feuchtigkeit, es beeinflusst durch seine enorme Wasserbindung auch, wie gut andere Substanzen in die Haut gelangen. Es fungiert in der Rezeptur als sogenannter „Penetrationsverstärker“ (Penetration Enhancer) mit einem ausgeprägten Schlepper-Effekt.
Die "Aufweichung" der Hautbarriere
Wenn Glycerin in die Hornschicht eindringt und dort Wasser bindet, quillt diese leicht auf. Die Struktur der Hornzellen wird dadurch lockerer, flexibler und durchlässiger.
Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Glycerin nicht nur allein das Wassermanagement beeinflusst, sondern auch die Lipidstruktur zwischen den Hornzellen beeinflusst: Es sorgt dafür, dass diese Fettschichten flüssiger und beweglicher werden. Das öffnet mikroskopisch kleine Pfade, durch die wasserlösliche Komponenten deutlich leichter hindurchdiffundieren können.
Ist das gut oder schlecht für die Haut?
Diese Eigenschaft ist ein zweischneidiges Schwert und hängt völlig davon ab, welche Substanzen mit dem Glycerin in der Creme kombiniert werden.
- Der positive Effekt (Wirkstoff-Booster): Bei erwünschten Komponenten wie Hyaluronsäure, Peptiden, Vitamin C oder beruhigendem Panthenol ist dieser Effekt genial. Glycerin sorgt dafür, dass diese tiefer in die Haut gelangen und dort ihre Kraft entfalten können.
- Der negative Effekt (Schadstoff-Schleuse): Ist eine Creme minderwertig formuliert, wird die durchlässige Barriere zum Risiko. Bedenkliche Zusätze wie Mikrobenkiller, aggressive Parfümöle oder Allergene passieren den Lipidfilm nun ebenfalls viel leichter. Das Risiko für Hautirritationen und Kontaktallergien steigt massiv an.
Zutaten - Einfach gewechselt
Bei diesen drei Fällen, wurden die Inhaltsstoffe ausgetauscht. Die Hauptfiguren spielen Alkohol und Glycerin, doch auch andere Zutaten wurden ersetzt und in der Reihenfolge verschoben - spannend, wie ich finde.
FALLBEISPIEL ROSENTHAL
Das Hyaluron Supreme Serum hat erheblich abgespeckt. Allerding nicht unbedingt zum Haut-Vorteil:
Die Konservierung-Diät: Die Rezeptur wurde radikal von neun auf fünf Bestandteile reduziert – auch das Glycerin wurde komplett gestrichen. Diese Raffung ist absolut lobenswert, denn die Schutzmixtur war vorher ziemlich schwach.
Der INCI-Tausch: Statt der vorherigen Haltbarmacher rückt dafür flüchtiger Alkohol an die Front und direkt auf Platz 2 der Liste vor.
Das Haut-Risiko: Weil Alkohol nun direkt hinter dem Wasser steht, fungiert er als hochdosierter Konservierer; das Risiko für eine geschwächte Hautbarriere steigt.
- Aqua
- Rosa Damaccena Flower Water
- Betaine (Feuchtigkeitsspender)
- Sodium Hyaluronate
- Citric Acid
- Potassium Sorbate (Konservierer)
- Glycerin (Konservierer)
- Polyglycerin-4 Caprate (Emulgater, Tensid)
- Sodium Lactate
- Aqua
- Alcohol (Konservierer)
- Rosa Damascena Flower Water
- Betaine
- Sodium Hyaluronate
Stand: 2020 | Quelle: rosental.de
In einem Hyaluron-Serum ist hochdosierter Alkohol recht widersprüchlich. Hyaluronsäure soll Feuchtigkeit in die Haut einschleusen und binden. Wenn zeitgleich eine große Menge Alkohol die Haut entfettet und austrocknet, heben sich die positiven Effekte des Serums gegenseitig auf.
Die bessere Wahl für dich: Ein glycerin- und alkoholfreies Hyaluron-Serum zieht schwerelos ohne klebrigen Film ein und polstert Trockenheitsfältchen sofort auf.
FALLBEISPIEL CATTIER
Das Mizellen Reinigungsfluid Perle d’Eau wurde beschnitten.
Die optische Täuschung: Auf den ersten Blick eine Verbesserung, da der austrocknende Benzylalkohol komplett aus der Rezeptur verbannt wurde. Alle Stoffe gelten dazu als reizfrei und gut hautverträglich.
Der INCI-Tausch: Glycerin schießt plötzlich von Null auf Platz 2 nach oben - als Hauptzutat.
Das Haut-Risiko: Das Produkt wurde mit Glycerin gestreckt. Die pflegende Wirkung echter Blütenwässer geht verloren, während die hohe Glycerin-Dosis das Risiko des Austrocknens der Haut birgt.
Glycerin als Allzweckwaffe: Es spendet gleichzeitig Feuchtigkeit, schützt die Haut und regelt die Konservierung im Alleingang, ganz nach dem Motto: Wir nehmen ein massiv reinigendes Tensid, puffern dessen Entfettung durch eine hohe Dosis Glycerin ab und schlagen zwei Fliegen mit einer Klappe: Die Haut wird durch die hohe Feuchtigkeit geschützt, schäumt besser und das Produkt konserviert sich quasi von selbst. Geht man nun davon aus, das die Hinzusetzung von Glycerin 10% des Gesamtproduktes beträgt und in der Menge maßgelblich größer ist als die nachfolgenden Zutaten, ist das Produkt ziemlich verwässert worden.
- Aqua
- Citrus Aurantium Amara Flower Water
- Rosa Damascena Flower Water
- Sodium Coco-glucoside Tartrate (Tensid)
- Benzyl Alcohol (Konservierung)
- Sodium Benzoate (Konservierung)
- Aloe Barbadensis Leaf Extract
- Sweet Almond Oil Polyglyceryl-6 Esters
- Lactic Acid (ph-Wert Regler)
- Linalool (Duftstoff)
- Aqua
- Glycerin (Konservierung)
- Disodium Coco-glucoside Citrate (Tensid)
- Calendula Offi cinalis Extract
- Aloe Barbadensis Leaf Extract
- Rosa Damascena Flower Extract
- Sweet Almond Oil Polyglyceryl-6 Esters
- Potassium Sorbate (Konservierung)
- Sodium Benzoate (Konservierung)
- Citric Acid (pH-Wert-Regler)
Stand: 2019 | Quelle: cattier-paris.de
Mein Fazit: Ich sehe es als zweischneidiges Milde-Versprechen.
Auf den ersten Blick wirkt die neue Rezeptur von Cattier wie ein Gewinn für sensible Haut: Der austrocknende und potenziell reizende Benzylalkohol wurde komplett verbannt, das Produkt kommt nun völlig ohne Alkohol und Parfüm aus. Dabei handelt es sich m.E. um geschickte wirtschaftliche Optimierung:
Die Aufgabe dieses Mizellenwassers soll es sein, die Haut zu reinigen und zeitgleich – durch den massiven Anteil an Glycerin direkt auf Platz 2 – das Gesicht bereits während des Abwischens mit Feuchtigkeit zu fluten. Das soll das typische „Spannungsgefühl“ nach dem Waschen verhindern. Doch genau an dieser Stelle verliert das Reinigungsfluid an Wertigkeit.
In der alten Rezeptur spielten natürliche Blütenwässer wie Orangenblüte und Rose eine tragende Rolle, um die Haut biologisch zu erfrischen und leicht adstringierend (porenverfeinernd) zu wirken. In der erneuerten Version wurde das Orangenblütenwasser komplett gestrichen und das Rosenwasser durch "günstigeres" Extrakt ersetzt.
Extrakte sind sehr viel konzentrierter, was die Haut reizen könnte; Extrakte sind teurer im Einkauf, aber sparsamer in Langzeitproduktion, denn das Produkt braucht nicht viel davon.
Zwar rutschet die pflegende Aloe Vera (von Platz 7 auf 5) und das Mandelöl-Ester (von Platz 8 auf 7) optisch ein paar Plätze nach vorn und Calendula-Extrakt zieht neu ein – doch das sieht für mich wie eine INCI-Täuschung aus. Weil der Glycerin-Block auf Platz 2 die Rezeptur dominiert, schrumpft der Mengenanteil aller nachfolgenden Zutaten drastisch zusammen.
Du zahlst hier für ein Produkt, das im Kern aus Wasser, günstigen Tensiden und einer großen Menge günstigen Glycerins besteht, welches eine tiefenwirksame Frische nur noch haptisch simuliert.
Problematisch wird dies vor allem durch das „No-Rinse“-Versprechen. Das Fluid soll laut Hersteller nicht mit Wasser abgespült werden. Verbleibt diese hohe Glycerin-Dosis jedoch dauerhaft auf dem Gesicht, droht bei trockener Heizungs- oder Klimaanlagenluft der gefürchtete osmotische Zugeffekt: Das isolierte Glycerin zieht Feuchtigkeit aus den tiefen Hautschichten ab und trocknet die Barriere von innen heraus aus. Zudem verbleiben die reinigenden Tensid-Reste auf der Haut, was die Lipidstruktur langfristig irritieren kann.
Mein Tipp für dich: Spüle das Mizellenwasser nach der Reinigung immer kurz mit klarem, lauwarmem Wasser ab. So wäschst du Tensid-Reste sowie den überschüssigen „Wassermagneten“ Glycerin herunter und schützt deine Haut vor schleichender Dehydrierung.
FALLBEISPIEL Melvita
Auch bei diesem Mizellenwasser gab es Veränderungen in der Formulierung. Laut Hersteller Melvita handelt es sich bei diesem Produkt um ein „No-Rinse“-Produkt.
- Der Rollenwechsel: Auf Platz 14 taucht ein extra Haltbarmacher auf und neue pH-Wert-Regler wurden hinzujustiert. Erfreulicherweise wurde der Alkohol dafür vom Plan gestrichen. Diente Glycerin zuvor als Booster für die Konservierung, übernimmt es jetzt eine neue Rolle:
- Der INCI-Tausch: Um das Produkt ohne Alkohol stabil zu halten, wurde eine verbesserte Schutzmixtur gewählt. Glycerin wandert von Platz 5 nach oben auf die 3. Etage als Anker zur Hautbefeuchtung.
- Das Haut-Risiko: Die Rezeptur verlässt sich nun primär auf den oberflächlichen Feuchtigkeits-Effekt von Glycerin, was sensible Haut langfristig austrocknen könnte.
- Aqua/Water
- Rosa Damascena Flower Water
- Hamamelis Virginiana (Hazel) Water
- Citrus Aurantium Amara Flower Water
- Glycerin (Konservierer)
- Alcohol (Konservierer)
- Narcissus Tazetta Bulb Extract
- Alpha-Glucan Oligosaccharide
- Decyl Glucoside (Tensid)
- Levulinic Acid (Konservierung)
- Sodium Levulinate (antimikrobiell)
- Sodium Benzoate (Konservierer)
- Aqua/Water
- HordeumVulgare Stem Water
- Glycerin (Produktbefeuchter)
- Citrus Aurantium Amara Flower Water
- Rosa Damascena Flower Water
- Camellia Sinensis Leafwater
- Alpha-Glucan Oligosaccharide
- Caprylglukoside (Tensid)
- Levulinic Acid (Konservierer)
- Sodium Levulinate (antimikrobiell)
- Sodium Hydroxide (pH-Wert-Regler)
- Citric Acid (pH-Wert-Regler)
- Sodium Benzoate (Konservierer)
- Potassium Sorbate (Konservierer)
Wie bei dem vorherigen Reinigungsfluid von Cattier ist laut Dermatologen, Abwaschen mit Wasser die bessere Wahl. Auch wenn du Wirkstoff-Seren wie Retinol oder Vitamin C aufträgst, ist eine reine, abgespülte Hautoberfläche immer die bessere Basis.
Zutaten haben sich in der Platzierung und somit prozentual, als auch im Verhältnis und in ihrer Wirkweise verschoben. Somit kann sich die Wirkung auf der Haut verändern. Dein Serum gibt dir vielleicht deshalb nicht mehr, was du zuvor an ihm hattest, möglicherweise wird deine Haut sogar trocken. Und echt pflegende Reinigungsprodukte arbeiten zudem mit pflanzlichen Emulgatoren und Lipiden, die den Schmutz binden und die Haut beim Waschen schonen.
Quintessenz
- Das Alkohol-Urteil: Gering dosiert sorgt er für ein haptisch leichtes Gefühl und eine angenehme Impression, die im Laden zum Nachkaufen einlädt. Hoch dosiert wird er als Lösemittel zum Barrierekiller, der hauteigene Fette porös macht, freie Radikale füttert und die Haut austrocknet.
- Penetration Enhancer: Wird banaler Alkohol in Kombination mit Glycerin eingesetzt, verflüssigt der Alkohol die Haut-Lipide aggressiv, während Glycerin die Haut flutet. Diese Kombination schleust alles in der Creme Enthaltene unkontrolliert tief ein und kann die Hautbarriere auf Dauer stark schwächen. Anders bei Fett-Alkoholen, diese sind reine Konsistenzgeber, spenden Feuchtigkeit und halten die Haut geschmeidig.
- Das Glycerin-Paradoxon: Die Beauty-Branche liebt die schnelle Oberflächen-Befeuchtung. Doch Vorsicht auch hier vor dem Schlepper-Effekt: Zugesetztes Glycerin weicht die Hornschicht auf und schleust auch bedenkliche Zusatzstoffe tief in die Haut. Bei trockener Luft dehydriert es die Haut von innen heraus. Hautmedizinisch kann es durchaus gute Zwecke erfüllen und es kaschiert Mängel, aber als kosmetische Dauerlösung kommt m.E. es als Hautbefeuchter nicht infrage.
- Ganzheitliches Wassermanagement: Glycerin ist ein natürlicher Bestandteil aller Pflanzenöle. In einem kaltgepressten, unberührten Öl liegt es in seiner perfekten, naturbelassenen Art vor: fest an schützende Fettsäuren gebunden sowie voller Vitamine und Antioxidantien – perfekt aufeinander abgestimmt. Die Industrie bricht diese natürliche Verbindung künstlich auf, um das Glycerin zu separieren und es als isolierten, hochkonzentrierten „Wassermagneten“ in ein Produkt zu quetschen.
- Entscheidung beim Kosmetikkauf: Bei der Wahl deiner Produkte setzt du am besten auf die synergetische Kraft reiner Pflanzenöle, da sie das hauteigene Wassermanagement ganz natürlich in Balance bringen – oder aber auf hochwertige Formulierungen, die mit unbedenklichen Zutaten arbeiten und den Schlepper-Effekt von Glycerin als reinen Wirkstoff-Booster nutzen. Besonders auch das Prinzip der Tiefenreinigung mit Ölen ist in der Dermatologie eine der effektivsten und schonendsten Methoden überhaupt.
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Studien zu Glycerin & Hautphysiologie
Herndon, T. O. et al. (2017): Dynamics of glycerine and water transport across human skin from binary mixtures, in: International Journal of Cosmetic Science, 39(2), S. 177–185. (Hinweis: Die Studie von Herndon et al. (2017) bestätigt die effektive Feuchtigkeitsbindung von Glycerin unter Laborbedingungen. In der dermatologischen Praxis kann sich dieser Effekt bei extrem trockener Umgebungsluft jedoch durch osmotische Prozesse umkehren und zu Dehydrierung führen).
Becker, L. C., Bergfeld, W. F. et al. (2019): Safety Assessment of Glycerin as Used in Cosmetics, in: International Journal of Toxicology, 38(3_suppl), S. 6S–22S.
Studien zu Tensiden
K. P. Ananthapadmanabhan (2004), Reinigung ohne Kompromisse: die Wirkung von Reinigungsmitteln auf die Hautbarriere und die Technologie der milden Reinigung, im Fachjournal Dermatologic Therapy; https://d-nb.info/1388423642/34
Studien zu Alkohol & Barrierepermeabilität
Anissimov, Y. G. et al. (2020): Molecular mechanism of the skin permeation enhancing effect of ethanol, in: Physical Chemistry Chemical Physics, 22(14), S. 7325–7334.
Bommannan, D. et al. (1991): Examination of the effect of ethanol on human stratum corneum in vivo, in: Journal of Controlled Release, 16(3), S. 299–304.
Morkhade, A. et al. (2026): Ethosomes As Advanced Transdermal Drug Carriers: A Critical Review of Design, Skin Permeation Mechanisms, Formulation Parameters, and Therapeutic Efficacy, in: International Journal of Scientific Research and Technology, 3(1), S. 215–226.
Rohstoff-Fachportale & Offizielle Behörden-Stellungnahmen
Olionatura (2024): Kosmetische Rohstoffe: Konservierungsmittel Ethanol (Fachportal für pflanzliche Rohstoffe und Formulierung).
Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit - BVL (2022): Richtlinien zur gesetzlichen Kennzeichnungspflicht und INCI-Reihenfolge bei kosmetischen Mitteln.
Cosmetic Ingredient Review (CIR) Expert Panel: Safety Assessment of Glycerin as Used in Cosmetics.
Medizinische Grundlagen (Verbraucheraufklärung)
Gesund.bund.de (2024): Trockene Haut (Xerosis cutis): Ursachen, Symptome und physiologische Hintergründe, Bundesministerium für Gesundheit.
Aroniaplus Fachredaktion (2021): Oxidativer Stress: Wie freie Radikale unsere Zellen angreifen
Orthomol Wissenschaftsredaktion (2024): Freie Radikale: Was ist das & was bewirken sie im Körper?